Autonomie wird zum Erfolgsprinzip
Prof. Kasper Hallenborg
- Firma: University of Southern Denmark
Produktionsumgebungen verändern sich schneller, als klassische Automatisierung darauf reagieren könnte. Im Austausch mit tec.news beschreibt Prof. Kasper Hallenborg, Direktor und Institutsleiter der Fakultät für Ingenieurwissenschaften am Maersk Mc-Kinney Moller Institut, wie Software‑getriebene Robotik, digitale Zwillinge und dezentrale Intelligenz neue Handlungsspielräume eröffnen – und warum gerade jetzt grundlegend neu über Automatisierung nachgedacht wird.
tec.news: Herr Hallenborg, wie definieren Sie Automatisierung?
Hallenborg: Automatisierung bedeutet, dass Software oder Hardware Aufgaben übernimmt, die zuvor Menschen erledigt haben. Lange war das auf deterministische, fest verdrahtete Systeme beschränkt. Heute verändern Digitalisierung, Sensorik und KI die Möglichkeiten radikal.
tec.news: Inwiefern?
Hallenborg: Früher mussten Roboter vollständig hardwareseitig programmiert werden – langsam, unflexibel und kaum echtzeitfähig. Heute simulieren wir ganze Produktionsabläufe vorab, nutzen digitale Zwillinge, synthetische Trainingsdaten und immer mehr Sensorik. Roboter lassen sich dadurch dynamisch steuern und reagieren situativ. Das eröffnet besonders Ländern mit vielen KMU neue Chancen: Auch Low-Volume-, High-Mix‑Produktion lässt sich automatisieren.
tec.news: Wie wirkt sich das auf die All Electric Society aus?
Hallenborg: Elektrifizierung und Digitalisierung verstärken sich gegenseitig. Je mehr Produkte digital erfassbar sind, desto mehr Intelligenz kann softwareseitig ergänzt werden. Datengetriebene Systeme ermöglichen Funktionen, die früher mechanisch gelöst werden mussten. Und: Autonomie wird wichtiger – um Ressourcen zu schonen, Fachkräftemangel abzufedern und nachhaltigere Produktionsmodelle umzusetzen.
tec.news: Wie sieht Ihr Lösungsansatz für die Automatisierung der Zukunft aus?
Hallenborg: Ein Kernbaustein ist der digitale Zwilling: Er verbindet Design, Simulation und Betrieb. Damit können wir selbst sehr große Strukturen automatisiert fertigen – etwa Komponenten für Windenergieanlagen oder maritime Anwendungen. Wir entwickeln dafür aktuell die weltweit größte Robotikzelle für die Einzelfertigung. Ein weiterer Fokus ist die automatisierte Demontage, um Recyclingprozesse zu verbessern. Viele Produkte sind dafür heute nicht ausgelegt; wir forschen an „Design for Disassembly“ und robotergestützten Verfahren.
tec.news: Welche Rolle spielt KI dabei?
Hallenborg: KI und Multi‑Agenten‑Systeme eröffnen neue Freiheitsgrade. Klassische Automatisierung erzwingt starre Abläufe; jede Abweichung führt zu Problemen. Agenten hingegen beobachten ihre Umgebung, treffen Entscheidungen lokal und passen sich an. Das gleicht dem Trend in Organisationen: Mehr Autonomie erhöht Flexibilität und Gesamtleistung. Solche dezentralen Architekturen werden in der Produktion entscheidend sein. Ein Teil der Verantwortung wandert in die Produktionsumgebung und Mitarbeitende erhalten mehr Autonomie.
tec.news: Bedeutet das, wir brauchen einen neuen Begriff – weg von klassischer Automatisierung?
Hallenborg: Man kann es weiterhin Automation nennen, die Systeme werden zukünftig autonomer, dynamischer, intelligenter. Entscheidend ist die Philosophie: weg von zentraler Kontrolle, hin zu verteilten, lernfähigen Systemen.
Automatisierung bedeutet, Prozesse durch Technologie unabhängig zu machen. Entscheidend ist, sie nicht länger als starres, rein deterministisches System zu verstehen. Im Kontext der Digitalisierung müssen wir Automatisierung neu denken – mit mehr Autonomie, Adaptivität und intelligenteren, flexiblen Systemen.
tec.news: Gibt es Bezüge zur Connectivity?
Hallenborg: Absolut. Digitale Zwillinge funktionieren nur, wenn auch physische Komponenten Daten liefern. Intelligente, sensorisch ausgestattete Steckverbinder wären ein logischer Schritt. Sie könnten Zustände dezentral erfassen, abstrahieren und in Edge‑Logik verarbeiten. Das erhöht die Robustheit und unterstützt genau die verteilte Autonomie, über die wir sprechen.
"Design for Disassembly"
Automatisierte Demontage wird zum Schlüssel für Wiederverwendung, Reparatur und Recycling. Was heute durch hohe manuelle Kosten begrenzt ist, macht Robotik künftig skalierbar und wirtschaftlich. Voraussetzung ist modulares Produktdesign: Über Steckverbinder verbundene Komponenten lassen sich effizient montieren und gezielt trennen. Definierte Schnittstellen ermöglichen robotergestützte Demontage, Sortierung und Wiederverwendung.
Steckverbinder verbinden Systeme im Betrieb – und ermöglichen effiziente Trennung bei Reparatur und Recycling.