Nachhaltigkeit + Kommunikation = Greenwashing?

Interview mit
Dr. Stephan Middelkamp, General Manager Quality & Technologies
Interview mit
Detlef Sieverdingbeck, General Manager Corporate Communication & Branding

tec.news: Herr Sieverdingbeck, wenn Nachhaltigkeit in direktem Zusammenhang mit Kommunikation genannt wird, ist oftmals die unmittelbare Schlussfolgerung: Greenwashing! Wie denken Sie darüber?

D. Sieverdingbeck: Eine mit konkreten Beispielen belegbare Kommunikation erfüllt im Hinblick auf Nachhaltigkeit einen sehr bedeutungsvollen Zweck. Wichtig ist allerdings, in welche Richtung diese Kommunikation abzielt. Bei uns in der Technologiegruppe richtet sich die Nachhaltigkeitskommunikation in erster Linie nach innen. Denn Umwelt- und Klimaschutz ist nicht nur die Aufgabe einer Abteilung, sondern geht uns alle an! Es ist die DNA des Unternehmens.

S. Middelkamp: Auf diese Weise aktivieren wir die Mitarbeitenden und generieren viele konkrete Ideen. Wir wollen unsere Mitarbeitenden dazu motivieren, ihren Beitrag für Nachhaltigkeit als mitverantwortlich Handelnde zu leisten. Gleichzeitig geben wir Antworten auf die Frage: Warum tun wir das überhaupt? Was sind Sinn und Zweck dahinter?



 

tec.news: Was ist der nächste Schritt? Wie äußert sich die Motivation der Mitarbeitenden?

D. Sieverdingbeck: Verantwortungsbewusste und motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bringen sich ein und identifizieren sich mit unseren Nachhaltigkeitszielen. Sie generieren selbständig Ideen und verbessern die Umweltleistung ihrer Prozesse – eine ganz andere Dynamik entsteht. 


S. Middelkamp: Der Vorteil wird zum Beispiel im Entstehungsprozess eines Produkts deutlich. Hier muss das Projektteam das Augenmerk auf Qualität, Zuverlässigkeit und Nachhaltigkeit legen und zusätzlich auf Herstellbarkeit und Kosten schauen. Diese komplexen Zusammenhänge können nicht starr geregelt werden. Wir wollen, dass unsere Mitarbeitenden dieses Mindset in sich tragen und allein und aus sich selbst heraus die besten Lösungen finden – in allem, was sie tun. 

D. Sieverdingbeck: Somit schließt sich dann auch wieder der Kreis der Kommunikation. An dieser Stelle beginnt die externe Kommunikation anhand konkreter Beispiele. Und unsere Mitarbeitenden sind quasi die Testimonials. Multiplikation nach innen und außen.


 

tec.news: Können Sie Beispiele einer erfolgreichen Kommunikation nennen?

D. Sieverdingbeck: Selbstverständlich! Seit über 30 Jahren gibt es den HARTING Umweltpreis, den Harty. Von einer Jury werden jährlich alle deutschen Standorte in den Kategorien Arbeitsschutz, Umweltschutz, Brandschutz und Ordnung & Sauberkeit bewertet. Mit dem eigens von unserer Senior-Chefin Margrit Harting initiierten Wettbewerb begann schon 1989 eine Kampagne für Sauberkeit und Ordnung am Arbeitsplatz, für nachhaltiges Handeln und zur Vermeidung potenzieller Gefahren und Risiken. Ein Ziel des Projekts war und ist, unseren Mitarbeitenden ihre Eigenverantwortung bewusst zu machen. Nachhaltiges Denken und Handeln erfordern Zähigkeit und Ausdauer!

S. Middelkamp: In diesem Jahr haben wir im Rahmen unseres „International Management Meeting“ einen gemeinsamen Tag mit allen Geschäftsführern unserer Landesgesellschaften bei ZEA Energy verbracht (s. auch Artikel S. 14f). Hier haben sie durch den Besuch der Biogasanlage aus erster Hand erfahren, welche Möglichkeiten der regenerativen Energieerzeugung es gibt. Diese Anlage hat unser Senior-Chef Dietmar Harting bereits zur Jahrtausendwende auf den Weg gebracht. Das dabei erworbene Wissen und diese nachhaltige Denkweise tragen unsere Führungskräfte nun an die HARTING Standorte weltweit, damit auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Bewusstsein für nachhaltiges Denken und Handeln schärfen.

D. Sieverdingbeck: Zusätzlich haben wir seit drei Jahren darüber hinaus unsere hauseigene interne Preisvergabe, den „Dietmar Innovation Award“, benannt nach unserem Senior-Chef Dietmar Harting. Hier ehren wir unsere Innovatoren und klugen Köpfe aus allen Landesgesellschaften und vergeben die Auszeichnung ab sofort auch in der Kategorie „Sustainability“. 


 

tec.news: Welche Projekte haben sich aus dieser Motivation der Mitarbeitenden ergeben?

S. Middelkamp: Wir haben ein schönes Beispiel aus Italien: Unsere dortige Landesgesellschaft hat Bienenpatenschaften übernommen, unterstützt von dem Unternehmen „3Bee“. Dies ist ein Start-up, das intelligente Überwachungs- und Diagnosesysteme für Bienengesundheit entwickelt und allein in Italien bereits ein Netzwerk unter 100.000 Imkern geschaffen hat. Bienenpatenschaften, die Anpflanzung eines Nektarwaldes und die Übernahme von Bienenstöcken sollen helfen, die Insekten zu schützen.

D. Sieverdingbeck: Auf der Produktseite haben unsere Entwickler die Han-Modular® Domino Module aus der Taufe gehoben. Ihre Energieeffizienz, ein kleinerer Bauraum und der geringere Materialeinsatz brachten uns in diesem Jahr eine Nominierung für den Hermes Award ein, den „Oscars für Ingenieure“. Ebenso wurde Norbert Gemmeke, Geschäftsführer der Global Business Unit HARTING Electric, von den Lesern des Fachmagazins „Markt und Technik“ zum „Manager of the Year“ gewählt. Er erhielt die Auszeichnung für die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten bei der Produktentwicklung und dabei gleichzeitig die leistungsfähige Connectivity sicherzustellen.

S. Middelkamp: Aber auch Single-Pair-Ethernet ist sicherlich ein weiteres geeignetes Beispiel: hier kommt 40% weniger Kupfer zum Einsatz und dennoch ist eine einfache, günstige und robuste Ethernet-Verkabelung gewährleistet.


 

tec.news: Und mit welchen zukünftigen Projekten können wir rechnen ?

D. Sieverdingbeck: Mit unserem Steckverbinderkonzept des Smart Electrical Connectors (SmEC) ist uns ein weiterer wichtiger Schritt in die richtige Richtung gelungen. Er ist mit einer aktiven Verwaltungsschale (AAS – Asset Administration Shell) ausgestattet und weist somit vielseitige funktionale Fähigkeiten in der Kommunikation mit Anlagen auf.

S. Middelkamp: Dies spielt auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle: mit dem integrierten Digitalen Zwilling ist es möglich, Effizienzpotentiale zu schaffen sowie den Product Carbon Footprint (PCF) zu erfassen und nachzuweisen.

Darüber hinaus bereiten derzeit die Ermittlung des PCF für Produkte aus unserem Sortiment vor und arbeiten mit Partnerunternehmen und Konsortien an der Realisierung des digitalen Produktpasses. Denn eins ist klar: wir alle müssen bei der Entwicklung und Produktion unserer Produkte darauf achten, Ressourcen zu schonen und Emissionen bestmöglich zu vermeiden. Durch den digitalen Produktpass haben wir die Möglichkeit, den CO2-Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus genau zu erfassen.

D. Sieverdingbeck: Und genau hier schließt sich wieder der Kreis: Kommunikation und Nachhaltigkeit funktionieren nur gemeinsam, wenn man auch entsprechende Inhalte bieten kann. Dadurch, dass die Kommunikation von innen nach außen erfolgt, ist dann das entsprechende Fundament gegeben. Und genau dann ist es schließlich alles andere als Greenwashing.